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Warum Schulnoten ungerecht sein können

Alle Schüler wissen es ohnehin und sogar die Schulforschung weiß es: Zensuren können ungerecht sein. Aus vielen verschiedenen Gründen. Einige von ihnen sind sogar gut.

Von Fridtjof Küchemann

Es stimmt schon: Die allergrößte Mühe hatte ich mir mit der Rolle rückwärts nicht gegeben, damals im Sportunterricht in der vierten Klasse. Ich mochte Turnen nicht, ich fand Purzelbäume ziemlich albern, ich fand es doof, dass wir uns anstellen mussten, um nacheinander vorzuturnen, damit die Lehrerin sich auf ihrem Klemmbrett eine Zensur aufschreiben konnte. Ich bekam eine Drei. Und zuckte die Achseln. Als aber mein Freund hinter mir eine Zwei bekam, war es mir nicht mehr so egal: Seine Rolle rückwärts war kein bisschen besser gewesen als meine, echt nicht! Das sah sogar die Sportlehrerin so. Aber, sagte sie, der Klassenkamerad hatte es so gut gemacht, wie er eben konnte. Und für mich war eine solche Rolle rückwärts eben wirklich nicht mehr als befriedigend.

Ungerechtfertigt war das nicht. Aber ungerecht war es irgendwie doch.

Jeder kennt dieses Gefühl. Bei Klassenarbeiten oder bei Zeugnissen, wie es sie jetzt wieder zum Schulhalbjahr gibt. Wenn man selbst davon erfährt oder wenn man mit anderen, mit den Eltern, darüber spricht: Der Lehrer hat eine Note gegeben, und man ist damit nicht einverstanden. Sie fühlt sich ungerecht an: ganz selten besser, als man sich selbst sogar dann einschätzen würde, wenn man gerade so ganz mit sich zufrieden ist, meistens aber so, als habe der Lehrer etwas übersehen oder vielleicht sogar extra eine schlechtere Note gegeben, als man eigentlich verdient hätte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine | 01.02.2019