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Vielleicht wird es nur eine Vier

Es gibt eine Disziplin, die Eltern mindestens genauso gut beherrschen müssen wie Trösten – und das ist: Erwartungsmanagement. Man könnte es auch prophylaktisches Trösten nennen. „Was ist, wenn ich nur eine Vier bekomme?“, fragt unsere Mittlere, die gerade ihre erste Klassenarbeit an der neuen Schule geschrieben hat. So what! Das haben schon viele überlebt, außerdem gibt es Wichtigeres im Leben als das Ergebnis einer Deutsch-Klausur in der 5. Klasse! Aber ich beherrsche mich: „Also eine Vier bedeutet ‚ausreichend‘, das heißt dann, dass dein Ergebnis a-u-s-r-e-i-c-h-t.“ Ich spreche extra langsam und schaue sie dabei an, als ob ich etwas sehr Bedeutsames gesagt hätte. Unsere Tochter will daraufhin auch noch mal alle andere Schulnoten übersetzt bekommen. Ich weiß natürlich, dass sie das alles kennt, aber irgendwie scheint meine überflüssige Erklärung sie zu beruhigen.

Ein gutes Erwartungsmanagement erleichtert allen Beteiligten den späteren Umgang mit einer möglichen Katastrophe oder Enttäuschung. Aber es ist keine Erfolgs- beziehungsweise Frustvermeidungsgarantie. Genauso wenig wie Bestnoten in der Grundschule eine Garantie für Schulerfolg am Gymnasium sind. Das haben auch die Lehrerinnen und Lehrer beim ersten Elternabend gesagt, die Schulleitung hat es im Willkommensbrief geschrieben, und ältere Geschwisterkinder raunen es dunkel beim Frühstück aus vollen Müsli-Mündern („Das ist jetzt was gaaaaanz anderes“).

von Janosch Niebuhr

Quelle: faz.net | 17.09.2019