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Bildung Das Schulsystem formt die Kinder frühzeitig mit Dauerdruck und Konkurrenzdenken

Katharina Schmitz

Das Kind lernt schon in der Grundschule, wie es läuft im Haifischbecken. Von hier zur Uni, wie Ralf Klausnitzer in seinem Text beschreibt, führt ein gerader Weg. Sicher, noch ist das Kind ein Goldfisch. Seine Eltern lernen aber schnell, wie leistungsfixiert es zugeht, kaum sitzt das große Einmaleins. Das Klima überrascht besonders Eltern, die sich irgendwo links verorten, sich aber nun vom sozialpolitisch beliebten Bildungsideal der Chancengleichheit betrogen fühlen. Warum? Weil es verlogen ist. Berlin ist für sie bildungspolitisch ein „failed state“.

Kritiker sagen: Es ist doch ein Wahnsinn. Muss denn jedes Kind Abitur machen? Nun, noch gilt kein Abitur eher als schlechte Alternative, auch wenn die Social-Media-Karriere mit Händen greifbar scheint und bildungsbewusste Eltern in Erklärungsnot bringt. Für Eltern ist die Schullaufbahn auch sonst mitnichten eine randständige Galaxie. Das System Schule erodiert ganze Familiengefüge. Warum? Zum Beispiel auch, weil das sozialpolitische Ideal – Vereinbarkeit von Schule und Beruf – nicht so glatt funktioniert, wie sich die progressive Gesellschaft das idealerweise vorstellt. Dafür müsste Schule „wie früher“ nebenherlaufen. Wer kennt sie nicht, die Legenden von Eltern, die sich anders als verpönte Helikoptereltern nie um etwas kümmern mussten? Aber: Eltern bringen sich heute ein, weil es sonst nicht funktioniert, und nur vermeintlich hilft die allerorten propagierte Schulform „gebundene Ganztagsschule“. Der Bildungsauftrag bleibt der heimliche Zweitjob nach Feierabend, einfach, weil das Kind eben doch engmaschig begleitet werden muss, egal welche Schule es besucht. Meist machen Mütter die Überstunden, wenn sie am Abend noch einen Vortrag mithilfe von Wikipedia zusammenkloppen. Eigenleistung vom Kind: 40 Prozent. Es gibt Mütter, die im Elternchat mit lustiger Verzweiflung ankündigen, dass sie den echten Job eigentlich aufgeben wollen, so viel Stress bedeutet die Schule.

Quelle: freitag.de | 07.01.2020