Allgemein

Ich bin Lehrerin und habe Angst vor der Zukunft unserer Gesellschaft

Toleranz und Respekt sind im Schulalltag rar, findet unsere Autorin, die Lehrerin ist. Viele Schüler*innen würden zwar einen Abschluss bekommen, aber jegliche Sozialkompetenzen vermissen lassen. Ein Erfahrungsbericht

Von Leia Winter

Wir erinnern uns alle noch an dieses Gefühl: Schule endlich fertig! Ab jetzt wird alles besser. Wir lernen nur noch das, was uns wirklich interessiert und haben keine Lehrer*innen mehr vor der Nase, die das Sagen haben. Endlich frei von den Zwängen der Schule.

Als Lehrerin habe ich eine andere Perspektive. Ich sehe jeden Tag mit eigenen Augen, dass man vielen Schüler*innen eigentlich ihren Abschluss verwehren müsste. Nicht, weil sie das mit dem Citratzyklus und der Stochastik immer noch nicht verstanden haben und ihr Englisch-Vokabular zu wünschen übrig lässt. Sondern weil der Erziehungsauftrag der Schule noch nicht abgeschlossen ist. So ist zum Beispiel im zweiten Paragraf des Schulgesetzes des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen folgendes verankert: „Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung. Die Jugend soll erzogen werden im Geist der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des Anderen, zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen (…) zur Völkergemeinschaft und zur Friedensgesinnung.“ Ähnliches findet sich in abgewandelter Form in den Schulgesetzen aller Bundesländer wieder.

Eine Überprüfung dieses vornehmsten Ziels der Erziehung ist derzeit nicht vorgesehen – abgesehen von manchen Schulen, die Kopfnoten in Sozial- und Arbeitsverhalten vergeben, die weder versetzungsrelevant noch in klare Kriterien aufgeschlüsselt sind – und mit Noten generell auch schlecht widerzuspiegeln. Würden diese Kriterien jedoch ernsthaft eine Rolle spielen, dann müssten viele Schüler*innen noch ein paar Jährchen länger die Schulbank drücken.

Quelle: ze.tt | 24.03.2019