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Das verplante Kind

Studien belegen, dass der Schulstress in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Das liegt nicht bloß an der Schule – sondern auch an Eltern, die nur das Beste wollen. 

Von Caroline Rosale

Bei Lorenz* bricht die Bleistiftspitze ständig ab. Tränen laufen seine Wangen herunter und tropfen auf das Papier. Der achtjährige Grundschüler sitzt am Küchentisch und will nicht mehr für das Diktat üben. „Es sind noch drei Sätze“, sagt seine Mutter und streichelt ihm über den Kopf. Noch drei Sätze, die abzuschreiben sind, danach ist es halb sechs Uhr abends. Dann kann er spielen. Lorenz war an diesem Tag bis 12 Uhr im Unterricht, danach in der Kantine der Schule, im Anschluss geht er wochentags in den Hort zu den Lebenswelten-AGs.

Dort kann sich der Schüler aus Berlin entscheiden, ob er filzen, bauen, basteln, töpfern oder Schach gegen Senioren spielen möchte. Die Arbeitsgemeinschaften werden nicht benotet, aber es gibt eine Bewertung am Ende des Schuljahres in Form einer Checkliste. Wie gut war die Kommunikation mit dem Schüler, während er seine Ritterburg aussägte? Wie ordentlich hat er das Modell mit kämpfenden Figuren, dem Rolltor an der Burg, das er zuvor aufgezeichnet hatte, getroffen? Der Leiter der AG fertigt eine Art Dokumentation an. Das sind die AGs, danach lernt Lorenz wie auch an diesem Montag an einer privaten Sprachschule in seinem Kiez „spielerisch“ Englisch, wie seine Mutter erzählt. Und dann eben die frühabendliche Übung für das Diktat. Bleiben anderthalb Stunden zum Spielen, bis das Licht ausgeht und Zeit zum Schlafen ist. „Ich finde mein Leben anstrengend“, sagt Lorenz. Seine Mutter versteht ihn. Sie selbst geht gern zum Core-Pilates, wenn sie sich mal entspannen will. Einmal die Woche.

Quelle: zeit.de | 20.02.2020