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Das süße Gift des Lobes

Demokratische Gesellschaften wiegen sich in dem guten Gefühl, Unterdrückung und Gewalt überwunden zu haben. Dass von demonstrativ ausgeübter Machtpolitik heute nicht mehr viel zu sehen ist, heißt jedoch keineswegs, dass es sie nicht mehr gibt, meint Gerald Hüther.

Aus neurobiologischer Sicht gibt es für all jene Menschen, die andere zur Verwirklichung ihrer eigenen Ziele und Vorstellungen benutzen wollen, eigentlich nur zwei Strategien: die alte und oft recht brutale in Form von Bestrafung – und die in jüngerer Zeit bevorzugt eingesetzte, einfachere und perfidere Form von Belohnungen.

In den Gehirnen von Menschen, die zum Objekt dieser Abrichtungsverfahren gemacht werden, kommt es in beiden Fällen zu einer Stimulation des sogenannten Belohnungszentrums. Bei drohender Bestrafung wird es dann aktiviert, wenn es jemand geschafft hat, die angedrohten Konsequenzen durch entsprechendes Wohlverhalten, also durch Gehorsam, zu vermeiden. Bei einer in Aussicht gestellten Belohnung feuert es immer dann, wenn es durch eine eigene Anstrengung gelungen ist, die Wünsche und Erwartungen anderer zu erfüllen.

Das Belohnungsgefühl erleben die betreffenden Personen als Freude, durch die erfolgreich vermiedene Bestrafung fühlen sie sich zumindest erleichtert. Mit diesen positiven Gefühlen geht im Gehirn die Freisetzung bestimmter Botenstoffe einher, die wie Dünger als Wachstumsfaktoren auf die Nervenzellen einwirken und das Auswachsen von Fortsätzen und Kontakten stimulieren. So entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess, denn die jeweils dabei eingesetzten Nervenzellverbindungen – und damit die durch sie gesteuerten Verhaltensweisen – werden auf diese Weise verstärkt und gefestigt.

Quelle: deutschlandfunkkultur.de | 14.01.2020