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Auf dem einsamen Sockel

Es gibt zwei Theorien zu den Wurzeln narzisstischer Persönlichkeiten: Die Eltern hätten ihnen in der Kindheit zu wenig oder aber überzogen viel Lob und Aufmerksamkeit geschenkt. Was stimmt?

Annemarie Huiberts

»Das hab ich noch nie gemacht, also werd ich es schaffen.« Die unbedarfte Einstellung von Pippi Langstrumpf ist typisch für Kinder. Auch Erwachsene dürfen sich ruhig hin und wieder Wunschvorstellungen hingeben, die dem Ego wohltun, findet der Psychoanalytiker Frans Schalkwijk von der Universität Amsterdam. In seinem jüngst veröffentlichten Buch über Narzissmus schildert er eine Reihe eigener Größenfantasien. So halte er sich für den allerbesten Psychoanalytiker – innerhalb seiner eigenen vier Wände. Und unterwegs mit seinen Enkeln stelle er sich gerne vor, dass jeder bemerke, wie toll er mit den Kleinen umgeht. Ihm sei schon klar, dass die Passanten wahrscheinlich andere Dinge im Kopf oder höchstens Augen für die Kleinen hätten – und nicht für ihn. Aber solche Größenfantasien seien harmlos, solange man sie selbst nicht allzu ernst nehme.

Beim Narzissten allerdings laufen diese Gedanken aus dem Ruder: Sie sind von ihrer Großartigkeit überzeugt. Und das müssen sie auch, denn sie verfügen über kein stabiles Selbstbild und können es deshalb schlecht ertragen, sich unbedeutend zu fühlen. Entweder sind sie die Besten, oder sie sind gar nichts wert. Ein Mittelding gibt es für sie nicht.

Quelle: Spektrum | 28.03.2019