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„Der Schüler wird nur als hungriger Körper betrachtet“

Frau Rose, die IGS Nordend protestiert gegen den Wechsel ihres Caterers. Für die Schulgemeinde ist das Catering keine austauschbare Dienstleistung, das Schulessen ein wesentlicher Teil der kulturellen und sozialen Bildung. Ist es nicht ausreichend, wenn Kinder am Mittag in der Schule mit Essen versorgt und satt werden?

Von Sandra Busch

Nein, das reicht nicht aus. In einem reichen Land wie unserem würden wir da eine große Bildungschance vertun. Wir haben große Debatten über Ernährungsbildung. Die Essenssituation in Familien hat sich geändert, es wird nicht mehr gekocht, Convenience-Food kommt auf den Tisch, die Kinder wissen nicht mehr, wo das Essen herkommt. Auch über ein Unterrichtsfach Ernährung wird diskutiert. Das zeigt, dass es einen Problemdruck gibt. Und wenn wir die Ernährung als Problem definieren, dann muss die Konsequenz sein, dass wir sorgfältiger schauen, wie die tägliche Essenversorgung an Schulen organisiert ist.

 

Wie sieht das Mittagessen an den meisten Schulen aus?

In der Regel wird außerhalb der Schule gekocht. An einem Ort, den kein Schüler kennt. Mit den Köchen kann nicht kommuniziert werden. Das ist alles von der Schule abgeschnitten. Die vorherschende Praxis bei der Schulverpflegung entspricht dem Convenience-Konzept, das wir eigentlich kritisieren. Es wird aber an der Schule fortgeführt. Und dann muss im Unterricht erklärt werden, was eine Möhre ist und wie die gekocht wird. Das ist paradox. Man könnte das bei der täglichen Verpflegung einbringen, statt daraus Unterricht zu machen. Mit gesundem Menschenverstand würde man das in die öffentliche Erziehung mit hineinbringen.

Wie sollte denn das Schulessen am besten aussehen?

Schule muss neue Aufgaben erfüllen, die Schulkantine zu einem Raum für Partizipation und politische Bildung werden. Die Schüler müssen sehen, erleben, riechen können, dass gekocht wird. Sie müssen Einblick nehmen können, die Menschen kennen, die kochen. Das ist die beste Voraussetzung, um kommunizieren zu können: Was kommt an bei den Schülern, warum wird etwas so oder anders gemacht. Wunderbar wäre, wenn die Themen, die bei der täglichen Verpflegung anfallen, im Unterricht aufgenommen würden. In Mathe kann berechnet werden, wie viele Kartoffeln gebraucht werden, um Reibekuchen für alle zu machen. In Kunst kann thematisiert werden, wie der Kantinenraum aussieht, der Schmuck an den Wänden. […]

Quelle: fr.de | 17.04.2018